06 Mai 2020

Die Welt nach Covid-19: Internationale Investitionsmöglichkeiten neu einordnen

Gareth Whiley, Managing Partner bei Silverfleet Capital

In den vergangenen Jahren haben ein zunehmend protektionistisches politisches Klima und steigende Zölle – beispielsweise am Handelskrieg zwischen den USA und China sowie dem Brexit und den prognostizierten Folgen zu sehen - dazu geführt, dass der „reibungslose“ internationale Handel auch schon vor der aktuellen Krise bedroht war.

Mit Covid-19 scheinen sich diese Bedrohungen sogar unmittelbar zu verschärfen – und Befürchtungen, die Hindernisse für den Welthandel könnten auch noch längerfristig bestehen, werden ebenfalls laut. Als aufgrund dieser Krise Grenzen geschlossen und zahlreiche Lieferketten, die wir für selbstverständlich gehalten haben, unterbrochen wurden, hat dies in kurzer Zeit die Verwundbarkeit einer vernetzten und verzahnten Welt offengelegt. Die derzeit empfundene Schwäche der Globalisierung wird die politische Agenda der Befürworter von Protektionismus wahrscheinlich noch weiter befeuern.

Die Pandemie hat außerdem aufgezeigt, dass viele Länder Schwierigkeiten bei der Inlandsproduktion bestimmter Güter aufweisen – einschließlich medizinischer Geräte und Arzneimittel. Die lokalen Unternehmen und Industrien, die sich der Lage entsprechend anpassen können, werden auch zukünftig von dieser erhöhten Binnennachfrage profitieren und wachsen.

Jedoch ist ebenfalls klar, welche Ineffizienzen entstehen würden, wenn jedes einzelne Land versuchen würde, in jeder Branche autark zu werden: Fachwissen und Ressourcen können nicht ausschließlich inländisch bereitgestellt werden – dies zu erreichen würde Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Wahrscheinlicher ist, dass es auf Impulse von Staaten und Regierungen hin wieder einen stärkeren strategischen Fokus auf den Ausbau von ausreichenden inländischen Kapazitäten in industriellen Schlüsselbereichen geben wird, um eine Abhängigkeit von Dritten zu vermeiden: Quasi eine Rückkehr zu einer Art zentraler Industriestrategie.

Zusätzlich zu einem verstärkten Fokus auf strategische Autonomie in bestimmten Bereichen, wird das aktuelle politische Klima wahrscheinlich auch zu einem Anstieg an Zöllen und protektionistischen Maßnahmen führen. Eine solche Entwicklung wäre jedoch bedauerlich, da internationaler Wettbewerb und Handel die wirtschaftliche Entwicklung sowie das Wachstum erwiesenermaßen fördern, und da Perspektiven und Erfahrungen aus einem internationalen Kontext entscheidend sind, um eine sich rasch wandelnde Welt erfolgreich zu navigieren. Wahrscheinlich gilt es, solche Erkenntnisse noch einmal durch Erfahrung zu vertiefen, statt sie nur in der Theorie kennenzulernen.

Aus Investorensicht wird es zwei Schwerpunkte geben: Zum einen kurzfristige Investitionsmöglichkeiten, die von innovativen Unternehmern und Unternehmen geschaffen werden, die in der Lage sind, den Covid-19-bedingten Anstieg der Binnennachfrage an Gütern und Dienstleistungen abzudecken. Längerfristige Möglichkeiten ergeben sich bei Unternehmen, die über die aktuellen und zugegebenermaßen tiefgreifenden Beeinträchtigungen hinausblicken und verstehen, was „normal“ in Zukunft bedeuten könnte und welche Chancen sich daraus ergeben.

Sicherlich werden sich auch zukünftig internationale Investitionsmöglichkeiten ergeben und der internationale Handel wird entscheidend für die Erholung der Weltwirtschaft sein. Chancen wird es in allen Schlüsselsektoren – Gesundheitswesen, Wirtschafts- und Finanzdienstleistungen, Konsumgüter und produzierendes Gewerbe – geben, aber die Geschwindigkeit sowie die Art und Weise der Erholung in den einzelnen Sektoren werden stark variieren. Zum Beispiel werden Branchen wie Tourismus oder Freizeit, die auf Massenveranstaltungen und uneingeschränkten Grenzverkehr angewiesen sind, selbstverständlich länger beeinträchtigt sein, als die meisten anderen Sektoren.

Großes Potenzial bieten softwaregestützte Dienstleistungen, die standortunabhängig genutzt werden können. Solche Technologien verzeichneten in den vergangenen drei Monaten herausragende Erfolge und haben dazu beigetragen, dass viele große und kleine Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit trotz Krise aufrechterhalten konnten. Unser Fokus liegt darauf, Investitionsmöglichkeiten innerhalb unserer Schlüsselsektoren zu finden, bei denen die Implementierung und Nutzung von modernen Technologien sowohl Differenzierung als auch Wachstum unterstützen kann, egal wie die Rückkehr zur Normalität in Zukunft aussehen mag.

Darüber hinaus werden mit der Wiederaufnahme des internationalen Warenverkehrs - auch wenn dieser mit Zöllen belegt ist – die Sektoren produzierendes Gewerbe und Gesundheitswesen für uns weiterhin von großem Interesse sein.

Wir sind überzeugt, dass weltweiter Handel und internationale Wachstumschancen für Unternehmen auch in Zukunft bestehen bleiben. Die Regeln und die Dynamik werden sich jedoch weiterhin ändern wie sie es schon immer getan haben, nur momentan vielleicht mit höherer Volatilität. Wir begleiten die Unternehmen in unserem Portfolio seit mehr als 30 Jahren bei ihrer internationalen Expansion und unser Netzwerk von fünf europäischen Büros zusammen mit unseren Portfoliounternehmen in 30 Ländern weltweit bietet uns auch in Zukunft eine einzigartige Perspektive, die uns in diesen turbulenten Zeiten optimal unterstützt.

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